Demokratie versus Diktatur

4. Juli 2011

Begrüßung von Anna Kaminsky

„Hochverehrter Herr Bundespräsident,
lieber Markus Meckel,
lieber Rainer Eppelmann,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

50 Jahre nach dem Mauerbau sind die Spuren dieser unmenschlichen Grenze im Berliner Stadtraum nur noch mit Mühe zu erkennen.

Nur an wenigen Stellen finden sich bauliche Überreste, Hinweistafeln oder Gedenkorte, die an die Zeit vor dem Mauerfall erinnern. Für junge Menschen ist es kaum mehr vorstellbar, dass ein 156 Kilometer langes gewaltiges Ungetüm aus Beton und Stacheldraht Familien und Freundschaften zerschnitt, eine Stadt, ein Land, ja Europa und die Welt 28 Jahre lang teilte.

Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR verblassen die Erinnerungen an das Leben in der Diktatur und an die deutsche Teilung. Immer wieder hört man, es habe sich doch eigentlich auch in der Diktatur ganz gut leben lassen …

Gegen die Verklärung oder gar absichtliche Verharmlosung des Lebens in der Diktatur hilft, die Erinnerung an die bedrückende Realität des Alltags im Schatten von Mauer, Grenze, Eingesperrtsein und offener oder verdeckter Repression wach zu halten.

Unsere Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat vom Deutschen Bundestag die Aufgabe übertragen bekommen, eine umfassende, kontinuierliche und gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Ursachen, der Geschichte und den Folgen der kommunistischen Diktatur sowie der deutschen und europäischen Teilung zu garantieren.

Unser Anliegen  ist es , die Geschichte der Teilung und der SED-Diktatur, die Erinnerung an die Opfer, die diese Diktatur gefordert hat, aber auch an Widerstand und  Opposition gegen die Diktatur im historischen Bewusstsein der Ost- und der Westdeutschen zu verankern und deutlich zu machen, dass es sich dabei nicht um ostdeutsche Regional- sondern um unsere gemeinsame Geschichte handelt.

Wir sind außerordentlich froh, sehr verehrter Herr Bundespräsident, Sie bei diesem Anliegen an unserer Seite zu wissen. Seien Sie uns hier in der Bundesstiftung Aufarbeitung sehr herzlich willkommen!

Es ist für uns eine große Ehre, mit Ihnen in den kommenden Jahren eine ganze Reihe gemeinsamer Veranstaltungen ausrichten zu können! Im Rahmen dieser Kooperation soll der Blick in die Vergangenheit vor allem die Perspektive auf die Gegenwart und die Zukunft schärfen. Die Veranstaltungsreihe soll das Bewusstsein für den Wert unserer Demokratie befördern und zur Teilhabe in unserem Gemeinwesen anregen.

Natürlich freuen wir uns sehr, dass diese Gesprächsreihe in bewährter Weise durch den Deutschlandfunk begleitet wird. Lieber Stephan Detjen, schön, dass Sie wieder mit dabei sind!

Heute ist die erste Generation erwachsen geworden, die – glücklicherweise – keine persönlichen Erfahrungen an die Zeit der Teilung und den fundamentalen Systemgegensatz zwischen der westdeutschen Demokratie und der ostdeutschen Diktatur nach 1945 verfügen.

Deshalb freue ich mich besonders, dass heute vor allem Vertreter dieser Generation hier sind: Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen, Journalistenschüler, zukünftige Lehrer und Rechtsreferendare. Sie kennen diese Zeit nur aus zweiter Hand und können sich kaum vorstellen, wie sich so ein Leben in der Diktatur gestaltet bzw. von anderen gezwungenermaßen gestaltet wird.

Zur Gegenwart in unserem Land gehört jedoch auch, dass die Erfahrung über ein Leben in der Diktatur sich mittlerweile nicht mehr nur auf die Zeit der NS- oder der SED-Diktatur bezieht. In unserer Gesellschaft leben Menschen aus der  ehemaligen Sowjetunion, aus Vietnam, aus Staaten des ehemaligen Jugoslawien oder arabischen Staaten. Auch sie bringen wiederum ihre Erfahrungen mit Gewalt und Diktatur in unsere Gesellschaft ein. Und auch diese Erfahrungen gilt es bei der Vermittlung der Unterschiede von Diktatur und Demokratie einzubeziehen und so deutlich zu machen, dass es sich keineswegs um Themen von gestern handelt.

Sie haben heute die Möglichkeit zuzuhören, nachzufragen und mitzudiskutieren. Denn wie schon José Ortega y Gasset meinte, kann uns die Vergangenheit nicht sagen, was wir tun wohl aber was wir lassen sollen…

Heute wollen wir über diese Fragen mit Zeitzeugen und Experten diskutieren. dessen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Frau Dr. Breier, Frau Schmalz-Jakobsen, Herr Eppelmann, Herr Prof. Nolte und Herr Schönfelder Ich herzlich willkommen heiße

Erlauben Sie mir abschließend, mit Blick auf das Jahr 2014 noch einmal zu verdeutlichen, wie wichtig die historische Selbstverständigung für die Gegenwart ist. Jahrestage sind Schrittmacher der Erinnerungskultur. Wir haben dies nicht zuletzt in den Jahren 1985, 2003 oder 2009 erlebt und erleben es in diesem Jahr mit Blick auf den 50. Jahrestag des Mauerbaus.

Das Jahr 2014 wird in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung sein. In jenem Jahr werden sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal, der Beginn des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal, die doppelte Staatsgründung in Ost- und Westdeutschland zum 65. Mal, die  Revolutionen in der DDR und Mittelosteuropa zum 25. sowie schließlich die EU-Osterweiterung zum 10. Mal jähren.

Damit bietet das Jahr 2014 die Chance, einen europäischen Erinnerungsdiskurs zu befördern, der die Verflochtenheit der Nationalgeschichten im „Jahrhundert der Extreme“ verdeutlicht und dazu beitragen kann, europäische Identität zu stiften. Wir stellen uns 2014 deshalb als das „Europäische Jahr der Zeitgeschichte“ vor, als ein Jahr, in dem sich die Europäer mit grundlegenden Fragen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen.

Gerade vor dem Hintergrund der Eurokrise ist es wichtig, dass wir Europäer uns bewusst werden, wie kriegerisch unsere gemeinsame Geschichte des 20. Jahrhunderts war. Egal wie groß die gegenwärtige Krise auch sein mag, der Zusammenhalt der Europäischen Union darf nicht in Frage gestellt werden. Auch das ist eine Lehre aus der Vergangenheit.

Wir als Bundesstiftung Aufarbeitung wollen diesen Prozess im Bereich der Erinnerungskultur befördern und hoffen dabei auf viele Mitstreiter und Unterstützer.

Nun aber danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und übergebe sehr gerne das Wort an den Herrn Bundespräsidenten.“

 

Foto © Kooperative Berlin

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