Nach dem Staatsbankrott

1. Dezember 2015

Einführung von Rainer Eppelmann

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

es freut mich sehr und es ist mir eine große Ehre, Sie auch im Namen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur willkommen zu heißen!

Im September 1988 stellte der Vorsitzende der DDR-Einheitsgewerkschaft FDGB Harry Tisch in einer Beratung bei SED-Chef Erich Honecker fest: „Unsere Leute wollen die soziale Sicherheit, Geborgenheit, sichere Arbeitsplätze und Ausbildung von uns und die Kaufhäuser aus der BRD“. In diesen Worten steckte damals, knapp ein Jahr vor dem Untergang der DDR, unüberhörbar eine gehörige Portion Resignation. Über vier Jahrzehnte lang hatte die kommunistische Staatspartei ebenso verbissen wie vergeblich versucht, mit ihrem System wirtschaftlich zum Westen aufzuschließen. „Überholen ohne einzuholen“, dieses Motto hatte einst Walter Ulbricht Ende der Fünfzigerjahre ausgegeben, um die Überlegenheit der DDR-Wirtschaft zu demonstrieren. Doch die Parole musste schon bald auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt werden. Denn der Abstand zum Westen wurde eher größer als kleiner. Die Bundesrepublik blieb im Wettstreit zwischen den beiden deutschen Staaten immer das Maß aller Dinge – und das nicht nur aus Sicht der ratlosen SED-Spitze, sondern auch für die zunehmend frustrierter werdende Bevölkerung. Schließlich konnten die meisten Menschen in der DDR Abend für Abend in ihren Wohnzimmern im Westfernsehen beobachten, wie gut es ihren Landsleuten in der Bundesrepublik ging. Dort im Westen, für sie unerreichbar hinter der Mauer, gab es nicht nur Demokratie und Freiheit, die man in der Diktatur so sehr ersehnte. Es gab auch einen höheren Lebensstandard und eine bunte Warenwelt. Dinge, von denen man als mangelgeprüfter Einwohner des „Arbeiter- und Bauernstaates“ nur träumen konnte.

Insbesondere in den Achtzigerjahren hatte sich die prekäre wirtschaftliche Lage in der DDR weiter verschärft. Die gravierenden Folgen jahrzehntelanger kommunistischer Misswirtschaft kamen nun immer deutlicher zum Tragen und bestimmten den Alltag der Menschen. Im ganzen Land rutschten die Schindeln von den Dächern, die Innenstädte verfielen, die Infrastruktur war hoffnungslos marode. Die veraltete Industrie fuhr schon seit Jahren auf Verschleiß und wurde immer unproduktiver. Die Versorgungslage glich immer mehr einem Desaster: Tag für Tag wurden die Regale in den Geschäften leerer und die Schlangen davor länger. Die Hoffnung auf Besserung hatten die Meisten schon lange aufgegeben. Neben dem unbedingten Willen zur Freiheit trieb deshalb auch die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit die Menschen im Herbst 1989 auf die Barrikaden gegen die kommunistische Diktatur.

Als die SED-Herrscher gestürzt wurden, war das Land nicht nur politisch und moralisch, sondern auch ökonomisch heruntergewirtschaftet. Jahrelang hatte der SED-Staat über seine Verhältnisse gelebt. Er hatte nicht nur die Wahlen, sondern auch die Wirtschaftsbilanzen gefälscht, uns Bürger belogen und die sozialen Wohltaten und Subventionen mit immer neuen Schulden im Ausland bezahlt. Am Ende war die DDR praktisch pleite.

Die ökonomischen Herausforderungen, die sich im Zuge der deutschen Einheit 1990 ergaben, waren also ohne Zweifel gewaltig. Ein ganzes Land mit Millionen Arbeitnehmern, enormen wirtschaftlichen und ökologischen Altlasten und großem technologischen Rückstand musste nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern vor allem auch wirtschaftlich wieder aufgebaut und integriert werden. Natürlich kam es dabei auch zu Versäumnissen und Fehlern. Wie hätte es denn anders sein können: Schließlich gab es damals kein Lehrbuch, in dem geschrieben stand, wie man eine Diktatur in eine Demokratie oder eine sozialistische Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft umwandelt.

Genau darum ging es uns Ostdeutschen aber – und zwar innerhalb kürzester Zeit. Wir lechzten nach Freiheit. Dazu gehörte nicht nur, aber eben auch, dass wir nun so schnell wie möglich genauso gut leben wollten wie die Deutschen im Westen – und wer hätte uns das nach all den Jahren des unverschuldeten Mangels im Schatten der Mauer verdenken können? Jahrzehntelang hatte die SED die Menschen nicht nur unterdrückt, sondern auch um die Früchte ihres Fleißes betrogen. Mit den neuen Konsummöglichkeiten verband sich daher auch ein großes Freiheitsgefühl und die Freude, dass nun endlich bessere Zeiten angebrochen waren.

Dennoch stellte sich in den ersten Jahren des vereinigten Deutschlands bei manch Einem eine gewisse Ernüchterung ein. Der allumfassende Strukturwandel stellte das Leben der meisten Menschen in Ostdeutschland komplett auf den Kopf und verlangte ihnen vieles ab. Millionen Frauen und Männer verloren ihre Arbeitsplätze und mussten zum Teil ganz von vorne anfangen. Wobei oftmals vergessen wird, dass es sich hierbei zuallererst um Spätfolgen der wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR handelte und nicht etwa um Defizite der sozialen Marktwirtschaft. Das Ausmaß des Umbruchs wird heute im Westen manchmal nicht gesehen, da sich für die meisten Westdeutschen mit der Wiedervereinigung nur wenig änderte. Für uns im Osten dagegen änderte sich fast alles. Ich nenne Ihnen nur ein Beispiel: Rund 75 % der ostdeutschen Arbeitnehmer verdienen ihr Geld heute in einem anderen Beruf als dem in der DDR erlernten und ausgeübten.

Trotz mancher Probleme ist die wirtschaftliche Bilanz der deutschen Vereinigung insgesamt eine echte Erfolgsgeschichte. Ostdeutsche und Westdeutsche haben die Ärmel hochgekrempelt und gemeinsam und solidarisch ein neues Deutschland geschaffen, das heute wirtschaftlich so stark ist wie nie zuvor. Dabei ist es auch diese Wirtschaftskraft, die es uns heute ermöglicht, den vielen Menschen, die vor Diktatur und Krieg aus ihrer Heimat fliehen, Schutz bei uns zu gewähren, sie in unsere Mitte aufzunehmen und ihnen so gut wie möglich zu helfen. Ich bin mir sicher, dass wir diese Aufgabe gut meistern werden – genauso, wie wir die riesigen Herausforderungen der deutschen Einheit vor 25 Jahren angenommen und mit viel Tatkraft und Zuversicht bewältigt haben!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Studierende, wenn wir uns heute hier im Schloss Bellevue mit dem wirtschaftlichen Transformationsprozess nach der Friedlichen Revolution und deutschen Wiedervereinigung beschäftigen, setzen wir die gemeinsame Veranstaltungsreihe „Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten“ des Bundespräsidenten und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur fort. Und ich bin sehr froh und dankbar für diese ausgesprochen gelungene Zusammenarbeit, besonders aber auch, lieber Herr Bundespräsident, für Ihr großes persönliches Engagement.

Wir dürfen nun gleich auf dem Podium fünf Menschen begrüßen, die den begonnenen wirtschaftlichen Wandel in Ostdeutschland 1989/90 auf ganz unterschiedliche Art erlebten. Sie haben in verantwortlicher Position in den Betrieben oder der Politik den Neuanfang aktiv mitgestaltet; als Unternehmerin die neuen Chancen beherzt ergriffen oder aber als Ökonom den Wandel streitbar begleitet. Wir freuen uns sehr, dass Sie heute hier sind, um uns an Ihren Erfahrungen und Einschätzungen teilhaben zu lassen und um die Fragen nicht nur der Moderatorin, sondern auch unseres jungen Publikums zu beantworten. Und so wünsche ich uns allen nun ein ebenso interessantes wie lehrreiches Gespräch!“

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