Nach dem Staatsbankrott

1. Dezember 2015

Veranstaltungsbericht

Der Wunsch nach Freiheit, Demokratie und einem besseren Lebensstandard

„Nach dem Staatsbankrott. Der Wandel in der DDR und in Ostdeutschland von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft.“

Veranstaltungsbericht

Wie sah die wirtschaftliche Situation 1989/90 in der DDR aus? Was wünschten sich die ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger nach dem Sturz des SED-Regimes? Was waren die Herausforderungen bei der Organisation der wirtschaftlichen Umstrukturierung von der sozialistischen Planwirtschaft hin zur sozialen Marktwirtschaft und wie wurden diese angegangen? Welche Folgewirkungen gingen damit einher und sind bis heute zu registrieren? Was bedeuten die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen für die Ostdeutschen?

Auf der fünften Veranstaltung der Gesprächsreihe „Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten“ des Bundespräsidenten und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 1. Dezember 2015 standen insbesondere die Fragen nach der adäquaten Herangehensweise bei der Umwandlung der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft sowie nach den Folgewirkungen für die ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt. Gäste bei der Podiumsdiskussion und dem anschließenden gemeinsamen Gespräch in Schloss Bellevue waren Schülerinnen und Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums Potsdam, des Wilhelmstadt Gymnasiums Berlin, der Seminargruppe des Freiwilligen Sozialen Jahres im Politischen Leben und Studierende der Zeitgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin.

In seiner Begrüßung hob Bundespräsident Joachim Gauck die insgesamt positive wirtschaftliche Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern hervor, die trotz der schweren Rahmenbedingungen zu verzeichnen sei. Zugleich verwies er aber auch auf die heute noch bestehenden Unterschiede, etwa im Bereich der Lohnhöhe, der Produktivität, der Arbeitslosenquote und der geringeren Anzahl größerer Unternehmen und Konzernzentralen im Osten Deutschlands. Er erinnerte er an die enorm schnelle Abfolge von Entscheidungen, die infolge der Friedlichen Revolution und des Sturzes der SED-Führung im Herbst 1989 getroffen werden mussten. Politische und ökonomische Ziele seien dabei nicht immer in Einklang zu bringen gewesen. So erhöhte die stetig wachsende Massenabwanderung der ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger nach Westdeutschland den politischen Handlungsdruck enorm und führte schon im Juni 1990 zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Sie bedeutete nicht nur das Ende der Planwirtschaft in der DDR, sondern war zugleich auch ein erster wichtiger Schritt zur Wiedervereinigung.

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Rainer Eppelmann erinnerte in seiner thematischen Einführung an den maroden Zustand der DDR-Wirtschaft als Folge der 40-jährigen kommunistischen Misswirtschaft und an den von Mangel geprägten Alltag der ostdeutschen Bevölkerung. Der Wunsch nach Freiheit, Demokratie und einem besseren Lebensstandard habe das Denken der Menschen in der DDR geprägt. Die ökonomischen Herausforderungen bei der Umwandlung von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft im Zuge der Vorbereitungen zur deutschen Einheit und den Folgejahren seien immens gewesen und hätten ohne Vorbereitung bewältigt werden müssen. Trotz mancher Probleme sei die wirtschaftliche Bilanz der deutschen Vereinigung insgesamt eine echte Erfolgsgeschichte. Deutschland verfüge heute über eine Wirtschaftskraft, die es uns nun ermöglicht, den vielen Menschen, die vor Diktatur und Krieg aus ihrer Heimat fliehen, Schutz bei uns zu gewähren, sie in unsere Mitte aufzunehmen und ihnen so gut wie möglich zu helfen.

Die anschließende Podiumsrunde wurde von der Deutschlandfunk-Journalistin Alexandra Gerlach moderiert. Auf dem Podium waren zu Gast:

  • die Berliner Unternehmerin Petra Hoyer. Die gebürtige (Ost-)Berlinerin arbeitete in einem Außenhandelsbetrieb der DDR und machte sich infolge der Umbrüche 1989/90 mit einem Baustoffhandel selbständig, dem später ein Modelabel folgte. Sie ist „Berliner Unternehmerin des Jahres 2014/2015“.
  • der Ehrenprofessor und Ingenieur Klaus-Ewald Holst. Der heutige Honorargeneralkonsul des Königreichs Norwegen wandelte als Hauptabteilungsleiter Instandhaltung noch vor der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion das sozialistische Kombinat VEB Verbundnetz Gas Leipzig in eine Aktiengesellschaft um.
  • der emeritierte Theologie-Professor Richard Schröder. Der gebürtige Frohburger (Sachsen) trat 1989 in die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP, später SPD) ein. Nach dem Mauerfall war er als Fraktionsvorsitzender der SPD Mitglied der letzten und einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR.
  • der Vorsitzende des Nationalen Normenkontrollrates Johannes Ludewig. Der in Hamburg geborene Wirtschaftswissenschaftler arbeitete ab 1983 im Bundeskanzleramt, wo er ab 1991 Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie “Koordinator neue Bundesländer” war.
  • der Nationalökonom und Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Werner Sinn. Der Universitätsprofessor der LMU München und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung veröffentlichte wirtschaftswissenschaftliche Bücher zur Wirtschaftspolitik der deutschen Einheit.

Zu Beginn der Podiumsdiskussion berichtete Petra Hoyer über ihren Weg in die Selbstständigkeit nach dem Ende des SED-Regimes. Der politische und wirtschaftliche Umbruch sei auch für sie eine große Herausforderung gewesen. Nach dem Verlust ihrer Arbeit in einem DDR-Außenhandelsbetrieb habe sie sich dazu entschlossen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, und sich mit einem Baustoffhandel selbständig zu machen. Sie gründete das Unternehmen allein, ohne marktwirtschaftliches Know-how und ohne größere finanzielle Mittel. In dieser bewegten Zeit brachte jeder Tag neue Herausforderung mit sich. Ihre Rolle als weibliche Unternehmerin in einer „Männerdomäne“ habe sie nicht infrage gestellt. Dies resultiere aus ihrer Sozialisation als Frau in der DDR, wo Männer und Frauen weitgehend gleichberechtigt am Arbeitsleben teilgenommen hätten.

Klaus-Ewald Holst, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Verbundnetz Gas AG, erzählte von der Privatisierung des einst volkseigenen Betriebes (VEB). Schnell habe er Verantwortung übernommen, sich dabei aber plötzlich einer neuen ökonomischen Fachwelt mit nie gekannten Kennziffern und Zielen gegenüber gesehen. Gerade im Umgang mit den neuen Aktionären musste er sich vor diesem Hintergrund zunächst behaupten. Die Umwandlung des Betriebes mit dem Ziel des Erhalts der Produktivität sei eine große Herausforderung, aber auch durch viele Gespräche mit den Mitarbeitern machbar gewesen. Der Absatzmarkt für viele ostdeutsche Unternehmen sei nach der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990 zusammengebrochen, da die Menschen aus dem Osten ihre eigenen Produkte – selbst die Milch – plötzlich ablehnten und nur noch Westprodukte kaufen wollten.

Richard Schröder erläuterte, dass es aus seiner Sicht allein schon aufgrund der desaströsen wirtschaftlichen Situation der DDR damals keine vernünftige politische Alternative zur raschen politischen und wirtschaftlichen Vereinigung Deutschlands gegeben habe. Auch um die zunehmende Abwanderung der Menschen in den Westen zu stoppen, habe es schnell zu neuen Perspektiven für die ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger an ihren eigenen Standorten kommen müssen. Wesentlich bei den Verhandlungen zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sei die Frage des Umtauschkurses von DDR-Mark zu D-Mark gewesen, um den Menschen in Ostdeutschland einen guten Start in das neue System zu ermöglichen. Doch obwohl die ostdeutschen Gehälter 1:1 in Westmark angepasst wurden, habe das Durchschnittseinkommen der ostdeutschen Arbeitnehmer im Anschluss nur bei 30% des Westeinkommens gelegen.

Alle Podiumsteilnehmer bezeichneten die Wiedervereinigung insgesamt als große historische Leistung. Da im Zuge der Umwandlung der staatseigenen Betriebe in privatwirtschaftliche Unternehmen viele Betriebe schließen mussten und die Treuhand mit einer Bilanz von 250 Milliarden Minus abschließen musste, war der weitere Verlauf der Diskussion von der kontroversen Frage bestimmt, ob für den schwierigen und beispiellosen Umstrukturierungsprozess die richtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen worden seien bzw. inwieweit es hier überhaupt Alternativen gegeben habe.

Aus Sicht des Finanzwissenschaftlers Hans-Werner Sinn wäre die Gründung von Joint Ventures mit ausländischen Aktionären der richtige Weg gewesen, um die ehemaligen volkseigenen Betriebe der DDR mit neuen Produkten für die alten und neuen Märkte zu öffnen. So hätte die Produktivität der Betriebe wieder hergestellt werden können, und die Löhne wären im weiteren Verlauf gestiegen. Seiner Meinung nach seien die Löhne für die Beschäftigten in den neuen Bundesländern viel zu schnell angehoben und divergierend zur Produktivität angepasst worden, was der sogenannten „Holländischen Krankheit“ gleichkäme. Das habe das Ende für viele ostdeutsche Unternehmen bedeutet.

Der ehemalige Koordinator neue Bundesländer im Bundeskanzleramt Johannes Ludewig widersprach dieser Ansicht. Diese Betrachtungsweise vernachlässige die politische Situation und die konkreten Herausforderungen der Übergangszeit. Die Standortsicherung habe bei der Umwandlung im Vordergrund gestanden und je nach Branche und Betrieb habe es unterschiedliche, teils mehrjährige Übergangszeiten gegeben. Man musste schnell handeln, um die zunehmende Abwanderung von Ost nach West zu stoppen. Johannes Ludewig betonte zudem die Relevanz außenpolitischer Faktoren für die damaligen Entscheidungen. Aus Angst vor einem militärischen Eingreifen der Sowjetunion habe man zügig unwiderrufliche Fakten schaffen wollen. Er gestand jedoch durchaus Fehler in der Kommunikation bei den Verhandlungen zwischen den alten Belegschaften und den neuen Investoren ein, die häufig leider nicht auf Augenhöhe stattgefunden hätten.

Nach der Podiumsdiskussion war das junge Publikum im zweiten Teil der Veranstaltung eingeladen, seine Fragen an das Podium zu richten. So wurde zum Beispiel gefragt, was aus dem Prozess der Wiedervereinigung generell – aber auch im konkreten Fall mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingskrise – gelernt werden könne? Wie fühle es sich an, in eine neue (Fach-)Arbeitswelt einzutauchen, in der quasi eine neue Sprache erlernt werden müsse? Und wäre zum Beispiel auch ein Transfer von gesellschaftlichen Strukturen von Ost nach West möglich gewesen? Insbesondere die Zeitzeugen Petra Hoyer und Klaus-Ewald Holst konnten den jungen Gästen einen Einblick in ihre ganz persönliche „Transformationsgeschichte“ vermitteln.

In seinen abschließenden Worten bedankte sich Bundespräsident Joachim Gauck für die angeregte Diskussion und forderte die Schülerinnen, Schüler und Studierenden auf, auch künftig das Gespräch mit Zeitzeugen zur Geschichte der DDR und der deutschen Einheit zu suchen, um so aus erster Hand Wissenswertes über dieses wichtige Kapitel deutscher Geschichte zu erfahren.

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