Typisch deutsch!

13. Dezember 2012

Bundespräsident Joachim Gauck hält die Begrüßungsrede der Veranstaltung "Typisch deutsch? Leben im vereinten Deutschland" im Schloss Bellevue, Berlin 2012.

Begrüßung des Bundespräsidenten

„Guten Morgen! – So klingt eine typisch deutsche Begrüßung. Und was macht ein typisch deutscher Gastgeber anschließend? Die Tagesordnung vorlesen – so habe ich mir das jedenfalls sagen lassen – und dann schön der Reihe nach auch die Podiumsgäste vorstellen, von links nach rechts, am besten alphabetisch, auf jeden Fall protokollarisch korrekt, auch sachlich, nicht zu emotional. Es tut mir leid, aber ich durchbreche heute diese Erwartung, vielleicht bin ich ja auch gar nicht der richtige deutsche Prototyp, wer weiß das schon.

Lieber Rainer Eppelmann, meine sehr verehrten Damen und Herren, „Typisch Deutsch“ kommt als Titel für unsere Diskussion auf den ersten Blick ja ziemlich leichtfüßig daher. Auf den zweiten Blick aber ist das Thema auch ein Wagnis. Ich freue mich, verehrte Frau Kaminsky, dass die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur dieses Wagnis mit uns heute eingeht und beständig eingeht. Unsere gemeinsame Gesprächsreihe ist bekanntlich kein Unterhaltungsprogramm, bei dem deutsche Stereotype und deutscher Biedersinn gefeiert werden. Sie ist ein Langzeitprojekt mit dem Titel „Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten“. Typisch Deutsches ist in dieser Lesart nicht nur erbaulich und heiter, das kann es ja auch gar nicht sein. Es begegnet uns zum Beispiel die German Angst. Und es folgen uns die großen Schatten unserer Geschichte.

Wer das 20. Jahrhundert bilanziert, kommt nicht vorbei an der Einsicht, dass das menschenfeindlichste Verbrechen der Geschichte typisch deutsch geplant und ausgeführt wurde. Und typisch deutsch waren dann spätere gravierende Krisen der nationalen Identität, verbunden mit einem steten Ringen um die Selbstvergewisserung. Und dann waren da die langen Jahre, als die kommunistische Diktatur und die Demokratie nebeneinander existierten, mit der menschenverachtenden Mauer mitten durch unser Land. Wer das typisch Deutsche also begreifen und fruchtbar machen will, muss auch über die historischen Prägungen sprechen, die wir als Volk mit uns tragen, in uns tragen, die eine Bürde, aber manchmal auch eine Kraftquelle sein können.

Lassen Sie uns heute diese Vielschichtigkeit deutscher Identität und die immense Fülle von Perspektiven diskutieren. Dazu gehören Vergangenheit und Gegenwart und vor allem die Menschen, die in diesem Land keine typischen, sondern eben ihre eigenen, höchst individuellen Erfahrungen machen. Was eint uns denn: Ost und West, Alt und Jung, Einheimische und Zugewanderte? Wo sind und bleiben Unterschiede? Wo können sie uns stärken, aber wo schwächen sie uns auch? Und was eigentlich ist das Gemeinsame, auf das sich das Streben der vielen Unterschiedlichen richten könnte?

Viele von Ihnen im Saal beschäftigen sich mit genau diesen Themen – in Stiftungen, in Vereinen und Verbänden, an Hochschulen oder als engagierte Einzelne. Sie halten das so unterschiedlich erlebte Leben von einst lebendig, Sie schreiben es fort. Dafür haben Sie meine Hochachtung!

Nur machen wir uns bitte nichts vor. Kernpunkte der jüngeren  deutschen Geschichte wie auch wichtige Elemente der aktuellen Integrationsdebatte gehören in Deutschland oft zu einem Elitendiskurs über unsere Identität, sie inspirieren noch keine wirkliche Volksbewegung. Was die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur betrifft, verbuchen wir zwar eine erfolgreiche intellektuelle Abarbeitung von  Themen und Thesen, aber auf der anderen Seite nur selten eine echte tiefe Auseinandersetzung der gesamten ostdeutschen Gesellschaft mit sich selbst. Ich meine damit einen Prozess, den der Philosoph Karl Jaspers nach dem Krieg als „Durchhellung“ bezeichnet hat: eine existentielle Aufarbeitung also bei all denen, die das System getragen haben.

Als die Frage im Raum stand, ob ich den von Bundespräsident Köhler begonnenen Dialog zur SED-Diktatur fortsetzen wolle, schwang eine zweite, unausgesprochene Frage mit: Ist denn nicht eigentlich schon alles gesagt?

Natürlich wurde in den vergangenen 23 Jahren nach der Friedlichen Revolution sehr viel ermittelt, erforscht und erzählt, was deutsche Befindlichkeiten diesseits und jenseits der Elbe ausmacht. Aber immer noch schreiben Opfer des Regimes lange Briefe mit der verzweifelten Bitte, doch endlich gehört zu werden. Für jemanden, dem die Diktatur einst den Berufsweg oder die Familie zerstört hat, dem Freiheit, Gesundheit oder Seelenfrieden geraubt wurden, für solche Menschen sind zwei Jahrzehnte Abstand kein Trost und die Verluste unwiederbringlich.

Haben solche Schicksale alle einen Platz in unserem kollektiven Bewusstsein oder sind sie – wie es viele Betroffene eben schmerzlich empfinden – von der Mehrheitsbevölkerung inzwischen abgehakt, ad acta gelegt?

Diese Debatte könnte eine neue und vielleicht heilsame Dynamik gewinnen, denn jetzt rückt die sogenannte „dritte Generation Ost“ nach. Viele begrüße ich hier in diesem Raum. Diese Generation kennt weder die Schrecken von Torgau noch von Bautzen – und wenn, dann nur aus dem Schulunterricht –, spürt aber in vielen Alltagsfragen, dass die Erfahrungswelt ihrer Eltern mit der eigenen kaum Schnittmengen hat. Freiwillig Klassensprecherin werden oder für ein soziales Jahr nach Brasilien gehen? Das ist an vielen Abendbrottischen in den neuen – wie lange eigentlich noch „neuen“? – Ländern immer noch keine Selbstverständlichkeit. Auch das offene und differenzierte Gespräch über den SED-Staat leider nicht.

Die Prägungen durch die jahrzehntelang erfahrene politische Ohnmacht wirken oftmals nach. Soziologen diagnostizieren bei großen Bevölkerungsgruppen eine unbewusste Weitergabe der Handlungsmuster aus Zeiten der Unfreiheit. Die gute Nachricht: Dieses Verhalten lässt sich bewusst machen, es lässt sich verändern. Es wäre nicht das erste Mal nach einer deutschen Diktatur, dass die Nachgeborenen ein Vierteljahrhundert später erfolgreich bei ihren Eltern und Großeltern nachhaken.

Es tut unserem Land also gut, wenn heute 30-Jährige zwischen Schwerin und Dresden laute Fragen stellen. Liebe Frau Kaminsky, danke, dass Sie diesen Stimmen ein Forum geben und sogar ein Tourprogramm unterstützen. Der Bus der „dritten Generation Ost“ ist ein Statement an sich: Rundreise statt Nabelschau!

Das soll uns im übertragenen Sinne auch heute gelingen: Mit einer mutigen Mischung auf dem Podium. Und mit Mut zu heiklen Fragen!

Einige solcher Fragen habe ich mir für unsere Podiumsgäste notiert – für Menschen, die neben der Bundesrepublik Deutschland noch andere Heimaten im Herzen haben und aus verschiedenen Blickwinkeln auf unsere Nation sehen:

Liebe Frau Pham, Sie haben Ende der 70er-Jahre in der DDR gearbeitet und haben erlebt, dass „Ausländer“ damals nur selten integriert waren, dass Völkerfreundschaft zwar oft auf dem Papier stand, aber kaum praktiziert wurde. Wann und wie, glauben Sie, wird Ostdeutschland diese Prägung überwinden?

Liebe Frau Klier, Sie werden als Zeitzeugin oft von Schulen eingeladen. Was müssen wir in der Bildungsarbeit verändern, um Diktatur und Demokratie den jungen Menschen in ihrem Deutschlandbild stärker ins Bewusstsein zu bringen, der Frage nach der Diktatur schärfere Konturen zu geben?

Lieber Herr Thibaut, zur Eurokrise gibt es Zeitungsseiten, auf denen Deutsche in Wehrmachtsuniform karikiert werden. Wie gehen wir denn nun mit solchen Ressentiments in Europa um?

Liebe Frau Kiyak, was bedeutet innere Einheit für Sie, die Sie in Deutschland aufgewachsen sind, in deutscher Sprache studiert und publiziert haben? Behindert oder beflügelt uns das typisch Deutsche für ein gedeihliches Miteinander? Und: Was heißt „typisch deutsch“ künftig in einem Land, dessen Vielfalt ja beständig zunimmt?

Und eine letzte Frage, eher eine Erwartung, die ich an unsere Moderatorin, Frau Birgit Wentzien, richte. Wenn Sie unsere Diskussion später zusammenfassen, erhoffe ich mir keinen fertigen Katalog, ich erwarte ihn jedenfalls nicht, über was bedeutet denn nun „Typisch Deutsch“? Aber vielleicht gibt es eine ehrliche Momentaufnahme. Gerade beim Thema Integration läuft man ja derzeit Gefahr, entweder als Schönredner oder aber als Spalter der Nation dargestellt zu werden. Offenbar ist es typisch deutsch, vor beidem Angst zu haben: Das typisch Deutsche zu verlieren oder es – wogegen auch immer – behaupten zu wollen. Lassen Sie uns diese Angst durch eine offene Debatte überwinden. Dabei dürfen und müssen Unterschiede eine Rolle spielen – sie zu negieren, wäre auch irgendwie weltfremd.

Aber als Ergebnis und Ermutigung sollen neben dem Respekt vor den Unterschieden vor allem die Gemeinsamkeiten stehen. Gemeinsamkeiten, die wir in Augenblicken des Zögerns in Erinnerung rufen und zum Gestalten dieses Landes nutzen können.

Jetzt gebe ich erst mal die Bühne frei, fast so pünktlich, wie es ein Bundespräsident tun sollte, auf jeden Fall so zuversichtlich, wie es der Bürger Joachim Gauck ist – einer, der nicht genau weiß, ob er „typisch deutsch“ ist,  aber der genau weiß, dass er dankbar ist: für die Begegnung mit Ihnen allen und dafür, dass die Arbeit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur weitergeht!“

 

Foto: Sebastian Bolesch, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Weiter Informationen über die Podiumsgäste finden Sie unter Gesprächsrunde.

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