Typisch deutsch!

13. Dezember 2012

Rainer Eppelmann, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hält die Einführungsrede der Veranstaltung "Typisch deutsch? Leben im vereinten Deutschland" im Schloss Bellevue, Berlin 2012.

Einführung von Rainer Eppelmann

„Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
liebe Studierende,
liebe Freiwilligendienstleistende,
liebe Podiumsgäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

es freut mich sehr und es ist mir eine große Ehre, Sie im Namen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur willkommen zu heißen!

Am 3. Oktober 1990 war es endlich soweit. Um null Uhr wurde zu den Klängen der Nationalhymne über dem Berliner Reichstagsgebäude – nicht weit von hier – die Fahne des nunmehr geeinten Deutschland gehisst. Hunderttausende feierten im Herzen Berlins und überall im Land ausgelassen mit Sekt und Feuerwerk.

Es war geschafft! Wer noch ein Jahr zuvor von der Möglichkeit einer baldigen Wiedervereinigung gesprochen hätte, der wäre wohl milde belächelt und als politischer Träumer bezeichnet worden. Doch dann war das Undenkbare geschehen: Massendemonstrationen in der DDR, der Sturz Erich Honeckers, der Fall der Mauer. In rasender Geschwindigkeit war es weiter gegangen: Runde Tische im ganzen Land, der Sturm der Bürger auf die Stasi-Zentralen, die ersten freien Volkskammerwahlen. Nachdem wir Ostdeutsche unsere Selbstdemokratisierung vollzogen hatten, machten wir uns selbstbestimmt auf den Weg in die Deutsche Einheit, und die Menschen im Westen nahmen uns mit offenen Armen in Empfang.

Aus zwei Staaten wurde einer. Doch sind wir durch unsere staatliche Vereinigung auch wieder „ein Volk“ geworden, so wie es die Demonstranten im Verlauf der Friedlichen Revolution so nachdrücklich gefordert hatten? Sind Ost- und Westdeutsche heute einfach wieder zu Deutschen geworden? Nachdem sich die anfängliche Euphorie gelegt hatte, wurde rasch deutlich, dass das, was mehr als vierzig Jahre lang durch Mauer und Stacheldraht getrennt war, nicht einfach wieder über Nacht zusammenwachsen würde. Wie sollte es auch anders sein: Die Menschen im Osten und im Westen hatten über vierzig Jahre lang ihr Dasein in zwei Lebenswelten geführt, die unterschiedlicher kaum sein konnten.

Während die Bürger der Bundesrepublik nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und den Verbrechen des Nationalsozialismus in Freiheit und Demokratie und im relativen Wohlstand einer sozialen Marktwirtschaft lebten, mussten sich die DDR-Bürger– und zwar keineswegs freiwillig – unter den Bedingungen einer Diktatur und der kommunistischen Mangelwirtschaft einrichten.
Diese unterschiedlichen historischen Prägungen der Menschen in Ost und West gilt es zu berücksichtigen, wenn wir uns heute unter dem Motto „Typisch deutsch“ auf die Suche nach unserer gesamtdeutschen Identität begeben. Die Summe der Erfahrungen, die wir alle gemacht haben, bestimmt schließlich ganz wesentlich mit, was wir heute sind. Ohne Erinnerung, ohne Geschichte gibt es keine Identität. Das gilt für den einzelnen Menschen genauso, wie für ganze Nationen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen und uns einander an unseren unterschiedlichen Erfahrungen teilhaben lassen. Zu Recht treiben wir aber nicht nur den individuellen, sondern auch den gesellschaftlichen Prozess der Vergangenheitsbewältigung voran. Wir setzen uns dabei so intensiv und offen mit unserer schwierigen doppelten Diktaturgeschichte auseinander, dass ein britischer Historiker (Timothy Garton Ash) Deutschland einmal – durchaus etwas doppelbödig – zum „Weltmeister der Aufarbeitung“ ausgerufen hat. Die ebenso gründliche wie nachhaltige Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Diktatur und ihren einzigartigen Verbrechen sowie der kommunistischen Diktatur, die Erinnerung an die jahrzehntelange, im doppelten Wortsinn geteilte Nachkriegsgeschichte bilden eine wesentliche Grundlage unserer Selbstverständigung und ermöglichen uns so Orientierung für unser Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft.

Doch wir dürfen es nicht bei einer Nabelschau belassen. Es ist zugleich von Bedeutung, unsere Selbstwahrnehmung auch mit Perspektiven von außen zu ergänzen. Denn die Rolle Deutschlands in Europa und damit die Wahrnehmung unserer Nachbarn haben sich grundlegend gewandelt. Über vier Jahrzehnte lang hielt uns Deutsche der Kalte Krieg fest in seinem Griff. Quer durch unser Land verliefen nicht nur Mauer und Grenze, sondern zugleich auch die militärische und ideologische Frontlinie zwischen der westlichen Welt und dem sowjetisch dominierten Ostblock. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und den Freiheitsrevolutionen von 1989 fand sich Deutschland unverhofft und glücklich mitten im Herzen eines neuen Europas wieder, das in eine Ära der Demokratie und der Gemeinschaft aufgebrochen war. Seither leben wir nicht nur in Frieden, Freiheit und Demokratie, sondern auch in Freundschaft zu unseren Nachbarn und von diesen geachtet; erstmals in unserer langen Geschichte.

In diesem sich vereinigenden und grenzenlosen Europa ist für uns bis heute eine ungeheure neue Vielfalt von Begegnungsmöglichkeiten und Beziehungen entstanden. Reisen wohin man möchte, ein Semester in Frankreich, Spanien oder Polen studieren, andere Kulturen kennenlernen, Freunde im Ausland finden, all das ist heute für Sie hier etwas Normales – und darüber freue ich mich als früherer DDR-Bürger ganz besonders. Dabei lernen Sie ganz selbstverständlich nicht nur die Eigenarten anderer Länder und ihrer Menschen kennen, sondern können umgekehrt auch erfahren, wie unsere Nachbarn uns Deutsche heute wahrnehmen. Wie haben wir uns in ihren Augen seit der Wiedervereinigung verändert? Was ist „typisch deutsch“ geblieben, was ist neu hinzugekommen? Ich bin davon überzeugt, dass dieser „Blick von außen“ sehr wertvoll ist und uns helfen kann zu erkennen, was uns eigentlich ausmacht, was unsere Stärken, aber auch was unsere Schwächen sind.

Doch nicht nur die europäische Integration – die gerade in der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation von so zentraler Bedeutung ist -, sondern auch der Prozess der weltweiten Globalisierung hat unser Zusammenleben nachhaltig verändert und wirft neue Fragen nach unserer Identität auf. Eine gesteigerte Mobilität führt dazu, dass weiterhin Menschen aus Europa und aller Welt in unser Land kommen, um hier zu leben und zu arbeiten – gerade auch in Zeiten der Wirtschaftskrise. Schon vor der deutschen Einheit lebten Millionen Einwanderer in der Bundesrepublik und wurden Teil der westdeutschen Gesellschaft. Aber auch in der DDR gab es 1989 fast 200.000 Ausländer, die als Vertragsarbeiter aus anderen kommunistischen Ländern die ostdeutsche Wirtschaft stärkten. Wie hat sich die Wiedervereinigung auf ihr weiteres Leben ausgewirkt? Wie stehen sie heute dazu? Und wie tragen sie zur Entwicklung unserer Identität bei?

Vor diesem Hintergrund müssen wir schließlich die viel beschworene „inneren Einheit“ noch differenzierter betrachten: Es versuchen seit 1990 nämlich nicht nur rund 60 Millionen Westdeutsche mit sechzehn Millionen Ostdeutschen in einem mitunter schwierigen Prozess eine gemeinsame Identität zu finden und auszubalancieren, sondern mittlerweile eben auch sechzehn Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte, die hier bestenfalls ihre Heimat gefunden haben.

Eines ist sicher: In den 22 Jahren, die nach der Einheitsfeier am Brandenburger Tor vergangen sind, hat sich das vereinte, neue Deutschland weiter zu einem bunten und modernen Land voll kultureller Vielfalt entwickelt. Unser Zusammenleben ist dadurch komplexer und in manchen Bereichen schwieriger geworden, aber auch ungemein  reichhaltiger. Wir Deutsche sind uns lange nicht mehr so fremd, wie manch ein Pessimist vorausgesagt hat. „Deutsche Einheit“ bedeutet gleichwohl nicht „Deutsche Einheitlichkeit“. Das sollten wir uns ebenfalls vor Augen führen, wenn wir uns darüber verständigen, was heute „typisch deutsch“ ist.

Ich freue mich sehr auf das nun folgende Podiumsgespräch! Vielen Dank.“

Foto: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Weiter Informationen über die Podiumsgäste finden Sie unter Gesprächsrunde.

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