Typisch deutsch!

13. Dezember 2012

Veranstaltungsbericht

„Ohne Erinnerung gibt es keine Identität“

Veranstaltungsbericht der Veranstaltung „Typisch deutsch? Leben im vereinten Deutschland“

Was ist typisch deutsch und wie gestaltet sich das Leben im vereinten Deutschland 22 Jahre nach der Auflösung der DDR? Bundespräsident Joachim Gauck und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur luden Studierende und Freiwilligendienstleistende am 13. Dezember 2012 zu einem international besetzten Podium und zur anschließenden gemeinsamen Diskussion ein. Auf der zweiten Veranstaltung der gemeinsamen Gesprächsreihe „Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten“, die diesmal im Schloss Bellevue stattfand, standen insbesondere die externe Perspektive der Podiumsgäste, also der Blick von „außen“ auf das wiedervereinigte Deutschland, und die Frage nach einer deutschen Identität im Mittelpunkt.

In seiner Eröffnungsrede wies Bundespräsident Joachim Gauck auf die Vielschichtigkeit der deutschen Identität hin, deren historische Prägung durch die Erfahrung zweier Diktaturen sowie der jahrzehntelangen Spaltung der deutschen Bevölkerung bestimmt werde. Er betonte, dass sich die ostdeutsche Gesellschaft auch weiterhin mit sich selbst auseinandersetzen müsse. Die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur sei bisher vor allem Teil von Elitediskursen, in denen die individuellen Schicksale der Opfer des SED-Regimes nur wenig berücksichtigt würden. Eine neue Dynamik könne die Debatte durch die sogenannte „3. Generation Ost“ erhalten. Da die Erfahrungswelt vieler ehemaliger DDR-Bürger häufig nichts mehr mit diesen Kindern und Enkeln gemein habe, sei nun die später geborene, in Freiheit und Demokratie aufwachsende Generation dazu aufgefordert, bei ihren Eltern und Großeltern nachzuhaken und laute Fragen zu stellen.

Rainer Eppelmann, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, erinnerte in seiner anschließenden einführenden Rede an die anfängliche Euphorie der Deutschen nach der Friedlichen Revolution und die zeitnahe Erkenntnis, eine vierzigjährige Trennung der unterschiedlichen Lebenswelten nicht einfach über Nacht überwinden zu können. Während die DDR-Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg in einer kommunistischen Mangelwirtschaft lebten, erfuhren die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland den relativen Wohlstand einer sozialen Marktwirtschaft. Die Suche nach einer gesamtdeutschen Identität müsse daher die unterschiedlichen historischen Prägungen der Menschen in Ost und West berücksichtigen. Ohne Erinnerung, ohne Geschichte gäbe es keine Identität. Ein gegenseitiges Erzählen und Teilhaben an den so verschiedenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen könne den gesellschaftlichen Prozess der Vergangenheitsbewältigung befördern. Um eine „innere Einheit“ zu erreichen, müssten jedoch auch die Erinnerungen und Erfahrungen der im Jahr 1989 nahezu 200.000 in der DDR lebenden Ausländer und Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte in der alten Bundesrepublik einbezogen werden. Es müsse daher auch danach gefragt werden, wie sich der Fall der Mauer auf ihr weiteres Leben ausgewirkt habe und welche Bedeutung ihr kulturelles Gedächtnis für die Entwicklung einer gemeinsamen Identität habe. Dass dabei aber „Deutsche Einheit“ nicht gleichzusetzen ist mit „Deutscher Einheitlichkeit“, sei bei einer Verständigung über das „typisch Deutsche“ daher stets zu berücksichtigen.

In der anschließenden Podiumsrunde stand zu Beginn die Frage nach dem heute „typisch Deutschen“ in Ost und West im Mittelpunkt. Gefragt wurde aber auch danach, was sich seit der deutschen Einheit verändert und verstärkt habe.

Zu Gast waren:
– die gebürtige Vietnamesin Pham Thi Hoai, die heute im Verlagswesen sowie als Dolmetscherin und Übersetzerin tätig ist. Sie studierte in der ehemaligen DDR von 1977 bis 1983 Archivwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.

– die Bürgerrechtlerin Freya Klier, die heute als freischaffende Autorin und Regisseurin arbeitet. Sie wurde 1968 wegen „versuchter Republikflucht“ zu 16 Monaten Haft verurteilt und 20 Jahre später aufgrund staatskritischer Aktivitäten verhaftet und aus der DDR ausgebürgert.

– die freie Autorin und Publizistin Mely Kiyak. Sie erhielt als Tochter kurdischer Einwanderer aus der Türkei 1998 die deutsche Staatsbürgerschaft und ist heute Mitglied der deutschen Islamkonferenz.

– Pascal Thibaut, Deutschlandkorrespondent von Radio France Internationale (RFI). Er wohnt und arbeitet nach einem Jura- und Politikstudium in Dijon und Paris und dem anschließenden Besuch einer Pariser Journalistenschule seit 1990 in Berlin.

Das Gespräch moderierte Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks. Die sehr verschiedenen Lebensumstände und persönlichen Begebenheiten, die die Podiumsteilnehmenden in der DDR, in der Bundesrepublik Deutschland sowie im wiedervereinigten Deutschland erlebt haben, bildeten die Grundlage der Diskussion über den Umgang mit der Geschichte, der Lebenswirklichkeit von Migranten unter dem ehemaligen SED-Regime sowie den Unterschieden im Identitätsverständnis zwischen Ost und West.

So erlebte Pham Thi Hoai die Alltagswirklichkeit in der DDR im Vergleich zu ihrer damaligen Heimat als beinahe dekadent und das Verhalten der Bürger gegenüber Ausländern als gönnerhaft. Das Verhältnis der Menschen aus der ehemaligen DDR gegenüber der „großen weiten Welt“ dagegen wurde von ihr manchmal als komplexbeladen wahrgenommen.

Freya Klier wies darauf hin, dass in der ehemaligen DDR-Gesellschaft keine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges bzw. des Nationalsozialismus stattgefunden hätte, da die gesamte Kriegsschuld offiziell der westdeutschen Bevölkerung zugeschrieben worden sei. Fremdenfeindlichkeit habe sich als Folge dieses Versäumnisses als eine Art „Tradition“ durch die Geschichte Ostdeutschlands gezogen. Da in den 1950er Jahren vor allem die kritische Intelligenz aus der DDR geflohen sei, fehle in den ostdeutschen Kleinstädten und Dörfern bis heute eine reflexive Debattenkultur, wodurch rechtsorientierte Verhaltensmuster bis in die Gegenwart an nachwachsende Generationen weitergegeben würden. Auch Pascal Thibaut brachte den vermeintlich im heutigen Ostdeutschland herrschenden, jungen Rechtsextremismus mit der Sozialisation einer in der DDR aufgewachsenen Elterngeneration in Zusammenhang.

Mely Kiyak dagegen betonte, dass Fremdenfeindlichkeit kein ostdeutsches Phänomen sei. Ausländerfeindlichkeit sei nach dem Mauerfall dezidiert Ostdeutschland zugeschrieben worden, doch kam die in Niedersachsen aufgewachsene Journalistin noch vor der Wiedervereinigung selbst mit rechtsradikalen Taten in Westdeutschland in Berührung. Die Verortung des Neonazismus auf die neuen Bundesländer sei als einseitige Geschichtserzählung zu bewerten, die gesamtdeutsche Probleme auf eine bestimmte Gruppe projiziert. Eine Aufarbeitung der Vergangenheit erfordere eine multiperspektivische Betrachtung, die auch die Erfahrungen beispielsweise türkischer Gastarbeiter nicht marginalisiere.

Eine positivere Perspektive auf den Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands werde in Frankreich vertreten, berichtete Pascal Thibaut. Hier seien die Geschehnisse nach 1989 als Erfolgsgeschichte gefeiert und zum Vorbild einer gelungenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wahrgenommen worden. Auch die permanente Beschäftigung der deutschen Medien mit den historischen Ereignissen sei positiv hervorzuheben.

Auch Pham Thi Hoai beurteilte die Wiedervereinigung Deutschlands als weniger problembehaftet als die in Deutschland aufgewachsenen Podiumsteilnehmerinnen Freya Klier und Mely Kyiak. Im Gegensatz zu Deutschland sei die gesellschaftliche Spaltung ihrer Heimat Vietnam bis heute intensiv wahrnehmbar. Eine friedliche Revolution wie in Deutschland wäre dort als wünschenswert empfunden worden.

Neben den Podiumsgästen waren auch die anwesenden Studierenden zu dem Gespräch eingeladen. Am Ende der Veranstaltung hatten sie Gelegenheit, zuvor vorbereitete Fragen und Statements an Bundespräsident Joachim Gauck und das Podium zu richten. Zu Gast waren Freiwilligendienstleistende des „Freiwilligen Sozialen Jahrs im politischen Leben“ der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD), Studierende des Masterstudiengangs Zeitgeschichte der Universität Potsdam, Journalistenschüler der Axel-Springer-Akademie, Studierende des Public-History-Studiengangs der Freien Universität Berlin, Teilnehmer des Studienkollegs zu Berlin sowie Stipendiaten des Programms der Heinrich-Böll-Stiftung „Medienvielfalt, anders – junge Migrantinnen und Migranten in den Journalismus“ sowie Studierende der Erziehungswissenschaften der Universität Potsdam.

Von den Studierenden wurde die Frage aufgeworfen, ob es unterschiedliche Erinnerungskulturen zwischen der Bevölkerung in Ost und West gebe. Bundespräsident Joachim Gauck verwies auf die jahrzehntelange Anleitung der ostdeutschen Gesellschaft durch ein diktatorisches System. Handlungsmuster wie Eigenverantwortung und das Streben nach Individualität seien dadurch in Ost und West bis heute unterschiedlich ausgeprägt. Durch eine transgenerationelle Weitergabe von Prägungen durch das Elternhaus werde auch die heutige Generation von diesen Werten beeinflusst. Durch Teilhabe und eine wache und lebendige Aktivität jedoch würden diese Prägungen mit der Zeit relativiert und bedeutungslos.

Eine Studentin des Public-History-Studiengangs der Freien Universität Berlin problematisierte in ihrem Beitrag die bis in die Gegenwart hineinreichende Suche nach den Unterschieden zwischen den Mentalitäten ehemaliger Ost- und Westbürger. So würden sogar die Menschen, die gemeinsam im wiedervereinigten Deutschland sozialisiert wurden, in ihrem Sprachgebrauch differenzieren. Dies sei damit leider als „typisch deutsch“ zu bewerten. Pascal Thibaut äußerte daraufhin, dass spezifische Prägungen und Bezeichnungen zum Teil jahrzehntelang existieren würden, ohne dass beispielsweise schulische Aufklärung diese einfach auslöschen könnte.

In einer spontanen Wortmeldung dekonstruierte eine junge Berliner Journalistin das im Rahmen der Veranstaltung mehrmals betonte Stereotyp der deutschen Gründlichkeit. Mit einem Hinweis auf die öffentliche Migrationsdebatte in den deutschen Medien forderte sie die vermeintliche Genauigkeit der deutschen Gesellschaft auch für den Integrationsdiskurs ein.

Bundespräsident Joachim Gauck bekräftigte daraufhin die Notwendigkeit einer multiperspektivischen Vergangenheitsbewältigung, die neue Fragen in den Vordergrund stelle, die Diskussion um alte Prägungen dagegen vernachlässige. Indem die ganze Gesellschaft gemeinsam besprechen würde, welche Werte sie bewahren wolle, werde sie näher zusammenkommen.

Foto © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Sebastian Bolesch.

Weiterführende Informationen über die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer sowie die Einzelinterviews finden Sie unter Gesprächsrunde und Interviews.

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