Zwischen zwei Staaten

14. November 2013

Begrüßung von Joachim Gauck

„Ich freue mich, dass wir hier zusammenkommen können zu einer ganz besonderen Veranstaltung – einer Veranstaltung, die bereits in einer eigenen Traditionslinie und dazu noch ganz im Zeichen von Dialog und Austausch steht. Die Veranstaltung hat ein Thema zum Gegenstand, das mich und viele Ost- und Westdeutsche seit 1989 begleitet: die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Heute, fast 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR, wissen alle, die wissen wollen, besser denn je, wie der ostdeutsche Staat in seinem Innern funktioniert hat. Trotz nur geringer Freiräume gab es natürlich in der DDR – wie überall, zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft – Lebensleistungen jenseits des Politischen oder des Ideologischen. Das wissen Sie, die jungen Menschen der „Dritten Generation Ostdeutschland“, sehr gut und sie betonen es auch.

Sie haben es erlebt bei Ihren Eltern. Und Sie haben sicher auch erfahren, wie schwierig es war, nach der friedlichen Revolution mit einer grundlegend neuen Situation, mit den vielfältigen Umbrüchen dieser Zeit umzugehen. Sie selbst haben zwei unterschiedliche Welten kennengelernt, jedenfalls die Älteren unter Ihnen in diesem Raum. Trotzdem waren Sie aber noch zu jung, um sich auf diese vergangene Welt einstellen zu können und zu müssen. Einige sind aber auch hier im Raum, die nun gar nichts mehr mitbekommen haben von der Zeit, über die wir sprechen – weil sie die „Gnade der späten Geburt“ haben, wie es ein berühmter Deutscher einmal gesagt hat. Für sie ist das wiedervereinigte Deutschland der Normalzustand, die DDR dagegen Geschichte. Ihr Bild von der DDR ist allerdings häufig geprägt von Überlieferungen der Elterngeneration, also – und das müssen wir uns immer wieder bewusst machen – auch davon, zu welcher Gruppe unsere Eltern gehörten. Die Geschichten der Geschichtsvermittler hängen mit dem gesellschaftlichen Kontext zusammen, in dem sie selbst gestanden haben. Waren sie vielleicht Mitläufer, waren sie ganz unpolitisch oder waren sie Angehörige der herrschenden Schicht? Waren sie ganz direkt Mitarbeiter in Parteiinstitutionen oder im Militär, in der Polizei, bei der Staatssicherheit? Gehörten sie zu denen, die sogar in einer Kaderreserve notiert waren – also zu dem inneren Kern derer, auf die das Regime besonders vertrauen wollte? Es liegt auf der Hand, dass Menschen, die nichts wissen von demjenigen Leben, das vorher war, geprägt sind von diesen Haupt- und Erstinformationen ihrer Bezugspersonen: zuerst der Eltern, aber auch der Großeltern und der Lehrer.

Ich will hier einmal einfügen, dass ich nach dem Ende der DDR eine Abiturientenklasse erlebt habe, die ein überraschend positives DDR-Bild hatte. Die Abiturienten, die ich während der DDR-Zeit kennengelernt habe, waren durchweg kritischer als viele Abiturientenklassen in Ostdeutschland nach dem Zusammenbruch der DDR. Das sage ich, um zu erläutern, dass es in Ostdeutschland nicht „die Geschichtserzählung“ gibt – so wie es ja auch nicht „die Ostdeutschen“ gibt. Vielmehr gibt es zwei Arten, Informationen über Vergangenes zu transportieren. Am wichtigsten, so glaube ich, ist der Unterschied dann, wenn sich Menschen darüber Gedanken gemacht haben, ob sie zu den Ohnmächtigen gehört haben oder nicht. Dazu fällt mir ein Wort von Václav Havel ein, das er seinen Landsleuten noch zu Zeiten des Sozialismus gesagt hat: Die Macht der Mächtigen kommt von der Ohnmacht der Ohnmächtigen.

Nun begrüßen wir hier die „Dritte Generation Ost“. Und hier in der „Dritten Generation Ost“ ist etwas Erfreuliches festzustellen: Wir sehen ganz deutlich, dass die scharfen Trennlinien sich zunehmend auflösen – so sehr, dass einige von Ihnen das vielleicht schon gar nicht mehr hören können: Wir sind doch Deutsche. Unterscheiden sich ein Ostfriese nicht viel mehr von einem Bayern und der Mecklenburger vom Sachsen als der Ostdeutsche vom Westdeutschen? Darüber wollen wir mehr hören, wir Ältere. Und das brauchen wir auch, denn wir wollen nicht in den Gräben einer alten Geschichtsauseinandersetzung verharren. Wir wollen uns auch weiterhin mit der Geschichte auseinandersetzen. Wir wollen teilhaben an den positiven Veränderungen, die sich in unserem Land ereignet haben und die wir in dieser Generation eigentlich am deutlichsten sehen. Deshalb haben Sie uns Älteren auch etwas zu geben: Wir brauchen Ihren Erfahrungshorizont, so wie Sie sicherlich auch den Erfahrungshorizont der Älteren brauchen. Darüber ist aber schon genug geredet worden.

Dass Sie sich artikulieren als „Dritte Generation“, das empfinde ich also als etwas Heilsames. Ich bin gespannt darauf, was Sie uns heute erzählen werden. Ich freue mich auch, dass wir für diese Gesprächsrunde einen so guten Kooperationspartner haben, ohne den diese Veranstaltung gar nicht möglich wäre. Das ist die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Aus Erinnerung, das wissen wir, ziehen wir wichtige Lehren für die Zukunft. Wir brauchen aber auch Impulse – Impulse dafür, dass wir Energien, die wir für die Gegenwart brauchen, nicht vergeuden in einer beständigen Rückwärtsgewandtheit. Sondern: Unsere Aufarbeitung der Vergangenheit muss eine Beziehung haben zur Gestaltung des Jetzt. Und daran können Sie uns erinnern, da können Sie uns helfen. Wir wollen, wenn wir Vergangenheit kritisch betrachten, nicht überwältigt werden von ihr, sondern wir wollen handlungsfähig bleiben. Wir wollen uns auch nicht in einen Opferkult hineinbegeben. Denn wir finden Trauma ja nicht gut, sondern wir meinen, dass traumatisierte Menschen einer Heilung, auch professioneller Heilung, bedürfen. Viele Menschen haben sich von den Lasten der Vergangenheit befreit, indem sie sich erinnert haben, die Erinnerung aufgeschrieben und dies mit anderen Menschen geteilt haben. Und das Gespräch zwischen den Generationen ist ein ganz wichtiges und heilendes Element für eine Zeit, die wahrlich der Heilung bedarf.

Wir wollen uns also erinnern, um uns zu ermächtigen für unseren Einsatz in einer lebendigen, einer diskursfähigen und diskursbereiten, der Zukunft zugewandten Gesellschaft. Der Aufarbeitung der SED- Diktatur und der Prägungen, der Deformationen, auch der privaten Lebenswelten, der Karrieremuster und der Benennung all dessen, was in jener Zeit geschah, wollen wir uns weiter widmen. Wir wollen sie aber nicht nur als Sache einer Generation sehen – also meiner Generation und der Zwischengeneration – wir wollen Ihre Horizonte miteinbeziehen.

Es bleibt nicht aus, dass wir auch alte Fragestellungen wieder aufnehmen. Aber es macht einen Unterschied, ob Sie als Enkelkinder Ihre Großeltern fragen, „wo warst du damals?“, oder ob ein Zeitgenosse, der zu Zeiten der Diktatur zu denen gehörte, die unterdrückt waren, mit seinem Gesicht und seinen Worten, seinen Lebenslasten und seiner Lebensprägung vor jene Menschen hintritt, die kritisch befragt werden müssen. Wie also fragen wir jene, für die es so schwer ist, Antworten zu geben? Und da helfen Sie uns mit dem unbefangenen Blick von Deutschen, die ihre ostdeutsche oder westdeutsche Prägung nicht mehr groß reflektieren, sondern die einfach neugierig und offen fragen, wie – und ich meine das sehr positiv – ein Kind fragt. Ihre Perspektive ist: Ich schaue die Verhältnisse noch einmal an. Ich habe nicht unter ihnen gelitten. Deshalb kann ich Euch auch mit offenen Augen und mit offenem Herzen und mit Neugier fragen: „Wie war es?“

Und es mag sein, dass dann die Älteren, die sich ihrer Verantwortung stellen müssen, lieber antworten und auch offener antworten, als wenn sie die anklagenden Fragen meiner Generation hören. Die letzteren Fragen werden wir zwar nicht wegdiskutieren dürfen, aber sie reichen eben nicht. Ich habe deshalb hier versucht, Ihnen die Bedeutung darzustellen, die Ihre Generation und damit auch Ihre Fragestellungen für meine Generation haben. Mir ist wichtig, dass wir Unterschiede, wo sie noch existieren, wahrnehmen, ohne dass wir gleich daraus Abwertungen ableiten. Was allerdings „abgewertet“ werden muss, das sind: Intoleranz, Diktatur, Arroganz der Macht – all das bleibt ja ein Thema des politischen Diskurses. Wir wollen, wenn wir anders fragen und anders schauen, ja nicht so tun, als wären uns die Werte der Humanität oder eines Menschenrechtsdiskurses nicht vertraut. Das bleibt in unseren Köpfen. Aber wir fragen eben anders. Sie fragen anders und das ist es, was mich interessiert. Und darum bin ich so froh, ein mir hochvertrautes Thema hier einmal auf einer ganz anderen Weise behandelt zu sehen.

Ich wünsche uns allen anregende Stunden.“

Foto © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Jesco Denzel.

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