Zwischen zwei Staaten

14. November 2013

Einführung von Anna Kaminsky

„Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
liebe 3. Generation Ostdeutschland,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

fast jede Woche begrüßen wir in der Bundesstiftung Aufarbeitung Besucher aus dem Ausland. Die wollen wissen, wie sich das vereinte Deutschland mit der kommunistischen Diktatur und der Zeit der Teilung auseinandersetzt. Fast immer bemerken wir ein ungläubiges Kopfschütteln. Und zwar immer dann, wenn wir die unglaublich ausdifferenzierte Institutionenlandschaft beschreiben, die diesem Ziel gewidmet ist. Ein Gast, der sich zugleich mit der NS-Aufarbeitung befasst hatte, bemerkte beim Smalltalk spöttisch: Die Deutschen seien einzigartig. Mit dem gleichen Ehrgeiz, mit dem sie im 20. Jahrhundert zwei Diktaturen getragen hätten, würden sie nun offenkundig diese Diktaturen aufarbeiten. — Der britische Historiker Timothy Garton Ash fasste diese Beobachtung in dem Satz zusammen: Die Deutschen sind Weltmeister der Aufarbeitung.

Meine Damen und Herren, mir ist solcher Spott lieber, als wenn es hieße, wir würden uns unserer Diktaturvergangenheit nicht stellen. – Allerdings ist die Aufarbeitung der SED-Diktatur kein Selbstzweck. Unser aller Aufgabe muss es sein, die Demokratie vor Gefahren wie politischem Extremismus und Terrorismus, vor Populismus, Politikverdrossenheit und sozialem Ungleichgewicht, aber auch vor unkontrollierter Online-Überwachung zu schützen. Und wir alle, die sich dieser Aufgabe verpflichtet fühlen, müssen die eigenen Methoden, Inhalte und Ziele immer wieder hinterfragen.

Unsere Bundesstiftung Aufarbeitung versteht sich dabei als Lobbyistin der Kommunismusaufarbeitung. Und als solche haben wir in den unterschiedlichsten Zusammenhängen dafür geworben, die 25. Jahrestage der Umbrüche und Revolutionen gegen die kommunistischen Diktaturen im nächsten Jahr zum Thema zu machen und in die langen historischen Linien von Diktatur und Demokratie im 20. Jahrhundert einzuordnen.

Nicht selten bekamen wir zu hören „Schon wieder? Der 20. Jahrestag 2009 ist doch gerade erst mit unzähligen Veranstaltungen, Publikationen und Ausstellungen begangen worden.“

Dazu kann ich nur sagen: Für die historisch-politische Bildung gilt, was in der Schule eine Binsenweisheit ist: Ohne Wiederholung kein Lernerfolg. Die Notwendigkeit unserer Arbeit ergibt sich nicht aus dem Kenntnisstand der Multiplikatoren, sondern aus dem Geschichtsverständnis unserer Gesellschaft. Und hier ist noch Luft nach oben, was das Wissen und vor allem die Einschätzung nicht nur der Diktatur in der DDR im Besonderen, sondern auch die Bewertung der kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen betrifft.

Wir brauchen neue Perspektiven, gerade im Jahr 2014 – dem „Europäischen Jahr der Zeitgeschichte“, wie wir es genannt haben: 100 Jahre werden seit dem Ersten Weltkrieg vergangen sein. Ohne diese „Urkatastrophe“ hätten die beiden totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts ihren Siegeszug nicht antreten können. Der deutsche Überfall auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs werden 75 Jahre zurückliegen. Ohne diesen Krieg wäre es wahrscheinlich nie zu den kommunistischen Diktaturen im Nachkriegseuropa, zur Teilung Deutschlands, Europas und der Welt gekommen.

Was im Westen Europas nach 1945 immer mehr zur Selbstverständlichkeit wurde: Freiheit, Demokratie, eine offene Gesellschaft, mussten sich die Menschen östlich des Eisernen Vorhangs 1989 erst mit ungeheurem Bürgermut erkämpfen. Diejenigen, die 1989 nicht nur in der DDR auf die Straße gingen – gegen Lüge und Gängelei, gegen Bevormundung und Unterdrückung – begriffen dies oftmals als Ausweg in eine bessere Zukunft – für sich selbst, aber vor allem auch für ihre Kinder.

Der Journalist Klaus Wiegrefe hat am Wochenende auf diese erinnerungskulturelle Herausforderung hingewiesen und konstatiert, dass sich der Bund mit dieser Herausforderung schwer tue. Der Artikel war überschrieben mit „Gauck muss das Super-Gedenkjahr retten“. Sehr geehrter Herr Bundespräsident, wir bringen uns dabei gern ein!

Im nächsten Jahr wird eine Ausstellung, die unsere Bundesstiftung Aufarbeitung derzeit gemeinsam mit dem Münchner Institut für Zeitgeschichte und dem Deutschlandradio Kultur erarbeitet, in mehr als 2000 Exemplaren bundesweit in großen und kleinen Kommunen dazu einladen, das 20. Jahrhundert neu zu denken.

Die Geschichte der kommunistischen Nachkriegsdiktaturen und der Teilung endet jedoch nicht mit den Umbrüchen 1989/90. Ein Vierteljahrhundert später ist es an der Zeit, die Jahre nach 1990 verstärkt in den Blick zu nehmen: Die großen Erfolge im Prozess der deutschen Einheit, aber auch die Verwerfungen und Fehler sowie insbesondere auch die Schicksale derer, die objektiv oder subjektiv unter die Räder dieser Entwicklung geraten sind.

Heute stellen die Kinder von damals Fragen nach ihrer Herkunft und Prägung, aber auch nach dem Leben der Eltern und ihrem Verhalten im SED-Staat, das oftmals ein Leben in der Zerreißprobe war – zwischen Loyalität und Abwendung, Zustimmung und Kritik, Entrüstung und Nachsicht, Anpassung, Widerstand und Verfolgung, Ernüchterung und Verbitterung, manchmal auch Hass.

Diejenigen von Ihnen hier im Saal, die sich der so genannten „Dritten Generation Ostdeutschland“ zugehörig fühlen, werden die ganz unterschiedlichen Lebenswege ihrer Eltern in Diktatur und Nachwendezeit wiedererkennen. Sie selbst waren 1989, als der Sturz der SED-Herrschaft gelang, noch Kinder. Und als solche waren Sie sich der widrigen Bedingungen wohl kaum bewusst, mit denen sich die Erwachsenen arrangierten und unter denen Sie selber heranwuchsen.

Aufgewachsen in der Diktatur, mündig geworden in Freiheit und Demokratie, ist die „Dritte Generation Ostdeutschland“ heute mit einer Elterngeneration konfrontiert, die über einen ganz anderen Erfahrungshintergrund verfügt als sie selbst; mit Eltern, die den umfassenden Systemwandel 1989/90 als radikalen Einschnitt in ihr Leben erfahren haben, die mit dem rasanten Wechsel der Verhältnisse oft auch Schwierigkeiten hatten. Und sich dabei schwer taten, im vereinten Deutschland ihren Platz zu finden.

Bei dem Unterfangen, mit unserer Geschichte umzugehen, setzen wir auch auf Sie – die Aktivisten der 3. Generation Ostdeutschland; auf die selbstbewussten Frauen und Männer, die in den letzten Jahren mit so viel Erfolg öffentliches Gehör eingefordert haben — nachdem Sie es leid waren, dass zunehmend grauhaarigere Menschen über „den“ Osten, „die“ friedliche Revolution und „die“ Wiedervereinigung zu Wort kamen und Sie den Eindruck hatten, dass Ihre Geschichten, Ihre Erfahrungen und Ihr Blick sowohl auf ihr Leben in der DDR als auch auf die Erfahrungen ihrer Eltern zwischen aktivem Mittun, Überzeugung und Anpassung, aber auch Auflehnung und Verweigerung nicht berücksichtigt werden.

Es freut mich, dass wir als Bundesstiftung Aufarbeitung die Entwicklung dieser neuen Fragen einer nachgewachsenen Generation und die damit verbundenen ersten Projekte, mit denen die Initiative an die Öffentlichkeit getreten ist, fördern konnten.

Ich mache mir dabei nichts vor. Die Dritte Generation gibt es genauso wenig, wie es „die 68er“ oder „die“ Generation Golf gegeben hat. Sie hier im Saale, die Sie sich in dieser Initiative engagieren, sind so etwas wie eine Avantgarde ihrer Generation, hochgebildet, polyglott, ultramobil. Und es gibt Ihre generationellen Pendants aus Westdeutschland, mit denen Sie studiert haben, befreundet sind, zusammenleben.

Es heißt, jede Generation stellt ihre Fragen an die Geschichte neu.

Sie sind dabei Ihren Beitrag als neue selbstbewusste Generation zu etablieren; als eine Generation, die mit neuen Fragen an das Selbstverständnis der Bundesrepublik herangeht. Als „Ossis neuen Typs“ vereinen Sie die Umbruchserfahrung und die Vorzüge einer offenen Gesellschaft. Wenn Sie über den Osten sprechen, tun Sie dies nicht nur vom Hörensagen; sie tun dies unbelastet von eigener Verantwortung in der Diktatur, mit einem Blick, der oft weit über unseren nationalen Tellerrand hinausgeht, kommunikationsfähig und mit der Lust auf Einmischung. Mit ihrer spezifischen Lebenserfahrung haben Sie uns etwas zu sagen – und nicht nur hier im Schloss, bei dem jetzt folgenden Podiumsgespräch. Auch draußen hören Ihnen immer mehr Menschen zu. Ich freue mich auf Ihre Interventionen und auf Ihren ganz persönlichen Marsch durch die Institutionen, zu dem Sie aufgebrochen sind. Viel Erfolg dabei!“

Foto: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Weitere Informationen über die Podiumsgäste finden Sie unter Gesprächsrunde.

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