Über die Veranstaltung

Die sechste und abschließende Gesprächsrunde der Veranstaltungsreihe „Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten“ am 7. Dezember 2016 beschäftigte sich mit dem Erbe der historischen Entwicklungen entlang des Eisernen Vorhangs im 20. Jahrhundert und ihren Auswirkungen auf aktuelle Fragen und Herausforderungen in den heutigen Nationalstaaten und insbesondere auf europäischer Ebene.

Mit den Umbrüchen und Friedlichen Revolutionen des Jahres 1989/90 gewannen die Menschen in der DDR und in Ostmitteleuropa ihre Freiheit und Unabhängigkeit von den kommunistischen Diktaturen. Zum Ende der 80er-Jahre und in den folgenden Jahren kam es nicht nur zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten, auch die Republiken Polen, Ungarn, Bulgarien, Tschechien, die Slowakei und Rumänien lösten sich aus dem kommunistischen Machtblock und führten freiheitlich-demokratische Strukturen in ihren Ländern ein. Etwa zeitgleich lösten sich die 15 früheren Sozialistischen Sowjetrepubliken aus der ehemaligen Großmacht heraus.

Die Revolutionen schufen nicht nur die Voraussetzungen für das Ende der deutschen und europäischen Teilung, sondern auch für die europäische Integration. In Vorbereitung auf die EU-Osterweiterung wurden 1993 die Kopenhagener Kriterien als Voraussetzung für den Beitritt zur EU beschlossen. Sie beinhalteten eine demokratisch gegründete institutionelle Stabilität, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechts- und Minderheitenschutz und eine funktionsfähige und wettbewerbstaugliche Marktwirtschaft. Nach dem Vertrag von Maastricht von 1992 erreichte die europäische Integration mit der ersten Osterweiterung im Jahr 2004 einen vorläufigen Höhepunkt: Neben Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Slowenien traten auch die baltischen Staaten Litauen, Estland und Lettland – als bislang einzige Staaten der ehemaligen sowjetischen Großmacht – der EU bei.

1989 erkämpfte sich der östliche Teil Europas dieselben Zukunftsvisionen wie der Westen – und damit die Chance, die Spaltung des Kontinents auf dem friedlichen Wege der Völkerverständigung, in Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu überwinden. Doch der Weg von dem durch zwei Weltkriege und dem Kalten Krieg geteilten zum geeinten Europa mit gemeinsamen Werten und Erwartungen – sowohl der Bürgerinnen und Bürger als auch der jeweiligen Regierungen – war und ist nicht einfach. Insbesondere die Menschen im ehemaligen Ostblock, wie z.B. Ungarn, Polen oder Ostdeutschland, bewerten politische und gesellschaftliche Prozesse oftmals anders als viele Westeuropäer. Diese wiederum registrieren in den jungen Demokratien Ostmitteleuropas politische Entwicklungen, wie einen erstarkenden Nationalismus oder die Gefahr autoritärer Tendenzen. Zwar ist Europa heute mehr als ein einheitlicher Binnenmarkt, eine Wirtschafts- und Währungsunion oder das Verwaltungszentrum Brüssel. Doch die Errungenschaften der europäischen Integration befinden sich in einer Krise: Schuldenkrise, Führungskrise, institutionelle Krise und nicht zuletzt Identitätskrise.

Besonders in Zeiten der Krise zeigt sich, dass die einzelnen EU-Mitgliedstaaten unterschiedliche Vorstellungen von der europäischen Zukunft haben. Dabei, so scheint es, prägen die unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen entlang des Eisernen Vorhangs im 20. Jahrhundert, dem „Zeitalter der Extreme“, unsere Gegenwart noch immer.

Vor diesem Hintergrund gilt es, Fragen von hoher Aktualität zu besprechen: Welchen Einfluss haben die unterschiedlichen historischen Entwicklungen in Ost und West vor 1989/90 auf die aktuelle europäische Politik und inwiefern können die Geschichtserfahrungen Ostmitteleuropas dazu beitragen, die aktuellen Herausforderungen Europas besser zu verstehen? Welche Rolle spielt das Erbe der kommunistischen Diktaturen und der Freiheitsrevolutionen von 1989/90 heute in Ostdeutschland und den östlichen Mitgliedsstaaten der EU? Inwiefern wird das Erlebte im eigenen Land aufgearbeitet und gibt es ausreichend Dialog, der die divergierenden Erfahrungswelten der Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf Europa heute reflektiert? Haben sich in Ostmitteleuropa spezifische europäische Identitäten entwickelt?

Die Behandlung dieser Fragen weitet den Blick von der Vergangenheit auf aktuelle Gegenwartsprobleme: Wie steht es um die europäische Einheit? Wie stabil sind die demokratischen Strukturen auf europäischer Ebene, aber auch in den Nationalstaaten? Wie erklärt sich zum Beispiel die Popularität Viktor Orbáns und Jaroslaw Kaczynskis – den Staatsoberhäuptern zweier Länder, die einst als Vorreiter der demokratischen Umgestaltung in Osteuropa galten? Gibt es ggf. grundlegende Unterschiede zwischen Ost und West, gerade auch in Bezug auf die Akzeptanz demokratischer Werte und Institutionen? Welche gemeinsamen Überzeugungen tragen die Europäer durch wirtschaftliche und politische Krisen? Welchen Wert hat der Nationalstaat heute noch immer? Und kann es eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur geben, aus der auch eine gemeinsame europäische Identität erwächst?

Die Veranstaltung wird im Anschluss ausführlich (Videomitschnitte, Interviews) auf dieser Webseite dokumentiert.

Mehr über das Thema der Veranstaltung finden Sie in den Hintergrundinformationen.

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